ZusammenfassungLange Jahre nach dem ‚linguistic turn‘ noch über das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Diskurstheorie zu schreiben, mutet paradox an. Denn von einem epistemologischen ‚turn‘ zu reden, scheint doch nahe zu legen, diesen als verbindlich anzusehen. Wer wollte noch zu jenen gehören, die ihn nicht mitgemacht haben oder die nicht zumindest wissen, wie angesichts von Sprachphilosophie, Semiotik und Diskurstheorie zu argumentieren wäre...? Tatsächlich verhält es sich jedoch umgekehrt: Der postmoderne ‚turn‘ steht im Verdacht, den Historikern den Sinn für die Wirklichkeit zu rauben; führende Vertreter des Fachs wähnen sich daher schon ‚am Rande des Abgrunds‘ (Chartier 1998), befürchten ‚das Ende der Geschichte als Wissenschaft‘ (Iggers 1993: 87) und verfassen eine ‚Defense of History‘ (Evans 1999). Daß Peter Schöttler in der angesehenen Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft fragen durfte ‚Wer hat Angst vor dem ‚linguistic turn‘?‘ (Schöttler 1997), hat die Gemüter ebenso wenig beruhigt wie Jörn Rüsens Hinweis, daß schon Ranke von der faktenorientierten Geschichtswissenschaft sagte, sie sei als interpretierende immer „zugleich Kunst“ (Rüsen 1994: 202 f). Als Historiker über den ‚linguistic turn‘ und seine diskursanalytischen und dekonstruktivistischen Methoden nachzudenken, bedeutet daher immer auch, das Selbstverständnis der Geschichtsschreibung als Wissenschaft zu reflektieren.
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