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Dievorliearende Schrift ist aus Teilen einer im Entstehen be- griffenen "Einleitung in die allgemeine Physiologie" hervorgegangen.Als ich hierbei nämlich die Probleme der Entwicklung, Vererbung und Zweckmäßigkeit der Organismen bearbeitete, schien mir ihre Darstellung nicht mehr in den Rahmen jenes Werkes zu passen, wenn die zur Klarlegung dieser Probleme und zur Begründung der hier vertretenen Anschauungen erforderlichen Auseinandersetzungen im Zusammenhang aufgenommen wurden.Da ich aber gerade auf eine systematische Bearbeitung der genannten Probleme besonderen Wert legte, so entschloß ich mich, diese zunächst in einer Schrift für sich zu behandeln.Mit einer solchen eingehenden Behandlung dieser Probleme ver- folge ich mehrere Zwecke: Vor allem soll sie helfen nachzuweisen, daß die einheitliche, monistische Naturauffassung durch die neueren Angriffe auf die Darwinsche Lehre keineswegs erschüttert wird.Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Ansicht möchte ich vielmehr dartun, daß eine solche Gefahr selbst dann nicht vorläge, wenn die neueren Einwände gegen die vSelektionstheorie in vollem Umfange berechtigt wären.Ich glaube nämlich zeigen zu können, daß für alle Probleme der Entwick- lung, im besonderen auch für das von der Entstehung der organischen Zweckmäßigkeit, soweit sie einer Lösung durch das Selektionsprinzip widerstreben, andere allgemein -naturwissenschaftliche Erklärungsprinzipien zur Verfügung stehen.Im Dienste der genannten vornehmsten Absicht habe ich auch die "micellar-bioblastisch-idioblastischen" Hypothesen, welche heut- VI Vorwort.zutage von den meisten Biologen als allgemeine theoretische Grundlage für die Bearbeitung der Entwicklungs-und Vererbungsprobleme anerkannt werden, eingehender und entschiedener, als es bisher ge- schehen ist, einer kritischen Betrachtung unterworfen und ihnen die dem jetzigen Stande unseres Naturerkennens mehr angemessene "physikalisch-chemische" Auffassung der Organismen gegenübergestellt.Ein solches eindringliches Vorgehen schien mir aus verschiedenen Gründen wünschenswert.Denn nach meiner Meinung sind die micellarbioblastisch-idioblastischen Hypothesen, im besonderen die Chromosomenhypothese, nicht nur keine fruchtbaren Arbeitshypothesen, was man ausdrücklich behauptet hat, sondern sogar ein Forschungshindernis. Die vielen neuen, zum Teil sehr interessanten Tatsachen, welche sich auf die Chromosomen beziehen, konnten nämlich ebenso gut, wie unter der Führung der idioblastischen Chromosomenhypothese, auch dann gefunden werden, wenn man den Chromosomen einfach nur als wichtigen Zellbestandteilen, aber ohne weitere Übertreibung, eine besondere Aufmerksamkeit schenkte.Ein Forschungshindernis aber erblicke ich zunächst darin, daß von hervorragenden Biologen und ihren Schülern außerordentlich viel Gedankenarbeit auf den Ausbau und die Anwendung dieser auf unhaltbarer Basis errichteten Hypo- thesen verwendet worden ist, eine Arbeit, die daher zu einem großen Teil an ein wertloses Objekt verschwendet wurde.Diese Spekulationen haben dann außerdem noch direkte schädliche Folgen gezeitigt, in- sofern sie zu den schwierigsten Scheinproblemen führten, diese zu- sammen mit mehr untergeordneten Problemen in den Mittelpunkt des Interesses rückten und damit den Blick von manchen wichtigeren Problemen ablenkten.Es ist wohl auch nicht daran zu zweifeln, daß infolge der einseitigen Betrachtungsweise der micellar-bioblastisch-idio- blastischen Chromosomenhypothese das bisher bearbeitete umfangreiche Untersuchungsmaterial nicht so ausgewertet worden ist, wie es durch physikalisch-chemisch geschulte Morphologen hätte geschehen können.Alle diese Bedenken scheinen mir um so gewichtiger, als durch eine längere Dauer der derzeitigen Hauptströmungen fast die ganze Denkrichtung in diesem Teil der Biologie mehr und mehr in einseitig ver- laufende Geleise gebannt wird, von wo aus der notwendige Übergang Vorwort.Vll auf physikalisch-chemische Bahnen mit der Zeit immer schwieriger wird; während das große, inhaltsreiche Gebiet der Entwicklungslehre einer gründlichen Durcharbeitung nach unverfälschten exakt-natur- wissenschaftlichen Gesichtspunkten vergeblich harrt.Und auch dem Vitalismus und Neo^'italismus wird durch diese Art des Vorgehens im Bereich der gedachten Probleme freie Bahn gelassen, ja sogar ihnen durch die angefochtenen Anschauungen zum Teil geradezu in die Hände gearbeitet.Dem Vitalismus bzw.Neovitahsmus unfreiwillig Vorschub zu leisten, sollte man aber um so mehr vermeiden, als ihrem Vordringen in neuerer Zeit überhaupt zu wenig ernsthafter Widerstand geleistet worden ist.Ein starker Widerstand gegen diese, mit den exakten Naturwissenschaften unvereinbaren, dualistischen Lehren ist aber in Anbetracht ihrer zunehmenden populären Beliebtheit in hohem Maße wünschenswert.Wir dürfen uns deshalb nicht damit begnügen, die vitalistischen Anschauungen ohne näheres Eingehen nur aus Prinzip abzulehnen; vielmehr ist gerade dieses tiefere Eingehen notwendig, und wir müssen hierbei zeigen, daß diejenigen Tatsachen, welche dem Monismus am meisten Schwierigkeiten bereiten und daher dem ^^italis- mus als Grundlage und Ausgangspunkt dienen, gleichwohl bei näherer Betrachtung und richtiger Formulierung einer monistischen Natur- auffassung, also einer Erklärung nach den allgemeinen Prinzipien der exakten Naturwissenschaften , nicht widerstreben.Ein Versuch in dieser Richtung ist ebenfalls in der vorliegenden Schrift gemacht worden, zu deren Hauptzweck er offenbar ein wichtiges Mittel ist.Da sich diese Schrift vorwiegend mit ganz allgemeinen biologi- schen Problemen beschäftigt, so möchte ich die nicht selten geäußerte Frage berühren, ob es für eine Bearbeitung derartiger Probleme nicht vielleicht noch zu früh sei.Zwar könnte diese Frage überflüssig er- scheinen im Hinblick auf die Tatsache, daß eine große Zahl der her- vorragendsten Forscher diesen Problemen einen erheblichen Teil ihrer Lebensarbeit gewidmet haben.Aber es gibt doch auch Autoren, welche die Beschäftigung mit solchen allgemeinen Problemen, deren vollständige Lösung noch in weiter Ferne liegt, für eine undankbare und nicht ganz vollwertige halten.Solchen Anschauungen wünsche X Vorwort.und hoffe, daß auch demjenigen, der in diesen Fragen weniger be- wandert ist, das an den betreffenden Orten Gesagte zum Verständnis des Zusammenhanges genügen wird.Meine physiologischen Fachgenossen möchte ich dazu anregen, den wichtigen Problemen der Entwicklung ein lebhafteres Interesse als bisher entgegenzubringen, und zwar sowohl an der Durchführung exakter Voraussetzungen, als auch an der Ausgestaltung der großen Theorieen des Gebietes in höherem Maße kritisch und schöpferisch mitzuwirken.Gewiß wird dann auch die jetzt zunächst zu erhoffende Klärung im Bereich der Vererbungslehren und der Darwinschen Selektionstheorie schneller fortschreiten.Denn gerade die Physiologie bietet naturgemäß für die weit in ihr Gebiet hineinreichenden Tat- sachen und Probleme der Entwicklung wertvolle aufhellende Gesichts- punkte dar, die bis jetzt nicht genügend ausgewertet worden sind.
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