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Mit dem Wort "Wissenschaft" wird heutzutage ein lächer- licher Fetischismus getrieben.Deshalb ist es wohl angezeigt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft nichts anderes ist als die Summe der Meinungen der heutelebenden Forscher.So- weit die Meinungen der älteren Forscher von uns aufgenommen sind, leben auch sie in der Wissenschaft weiter.Sobald eine 'Meinung verworfen oder vergessen wird, ist sie für die Wissen- schaft tot.Nach und nach werden alle Meinungen vergessen, ver- worfen oder verändert.Daher kann man auf die Frage: "Was ist eine wissenschaftliche Wahrheit?"ohne Übertreibung antworten: ,,Ein Irrtum von heute."Die Frage, ob es einen Fortschritt in der Wissenschaft gibt, ist darum nicht ganz so leicht zu beantworten wie gemein- hin angenommen wird.Wir hoffen wohl von gröberen zu feineren Irrtümern fortzuschreiten, ob wir uns aber wirkHch auf dem guten Wege befinden, ist für die Biologie in hohem Grade zweifelhaft.Die Betrachtung des Lebendigen bietet bei jedem Schritt dem unbefangenen Beobachter eine so unermeßliche Fülle von Tatsachen, daß die bloße Registrierung dieserTatsachen jede Wissenschaft unmöglich machen würde.Erst die Meinung des Forschers, die das Beobachtete gewaltsam in Wesentliches und Unwesentliches scheidet, läßt die Wissenschaft erstehen.Die herrschende Meinung entscheidet rücksichtslos über das, was als ,, wesentlich" gelten soll.Wird sie gestürzt, so fallen mit ihr Tausende von fleißigen, mühsamen und ausgezeich- V. Uexküll, UmweltundInnenweltderTiere. 1 Einleitung.logie die anatomische Wissenschaft zu den Quellen der tiefsten Lebensprobleme zurück.Ebenso verlor die allgemeine Physiologie immer mehr das Verständnis dafür, daß jedes Lebewesen eine ,, funktionelle Einheit'* ist.An Stelle des Strebens nach Erkenntnis des Bauplanes eines jeden Lebewesens, der allein aus Anatomie und Physiologie erschlossen werden kann, trat das einseitige Studium der mögUchst isolierten Teilfunktionen, um diese als rein physikalisch-chemische Probleme behandeln zu können.Dies war das Schicksal der Biologie der höheren Tiere.Ganz eigenartig gestaltete sich das Schicksal der Biologie bei den niederen Tieren.Hier gingen nicht Anatomie und Physiologie ge- trennte Wege, sondern die Physiologie wurde zeitweilig voll- kommen unterdrückt.Dies geschah durch den Darwinismus.Der Darwinismus (nicht Darwin selbst) betrachtete die Leistungen der anatomischen Struktur als ,, unwesentlich" gegenüber dem einen Problem: wie sich die Struktur der höheren Tiere aus der der niederen entwickelt habe.Man sah in der Tierreihe den Beweis für eine stufenweis ansteigende Vervollkommnung von der einfachsten zur mannig- faltigsten Struktur.Nur vergaß man dabei das eine, daß die Vollkommenheit der Struktur gar nicht aus ihrer Mannigfaltig- keit erschlossen werden kann.Kein Mensch wird behaupten, daß ein PanzerschifE vollkommener sei als die modernen Ruder- boote der internationalen Ruderklubs.Auch würde ein Panzer- schiff bei einer Ruderregatta eine klägliche Rolle spielen.Ebenso würde ein Pferd die Rolle eines Regenwurms nur sehr unvollkommen ausfüllen.Die Frage nach einem höheren oder geringeren Grad von Vollkommenkeit der Lebewesen kann gestellt werden, wenn man jeden Bauplan mit seiner Ausführung zusammenhält und prüft, in welchem Fall die Ausführung am gelungensten ist.Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei dieser Fragestellung die niederen Tiere, weil sie zu den ältesten Geschlechtern gehören, den Preis davontragen werden, denn es scheint die Regel zu gelten: je älter die FamiUe, um so besser die Durcharbeitung.Man versucht ferner das Vollkommenheitsproblem zu er- örtern, indem man die Bedürfnisse der Organismen mit ihrem Bauplan vergleicht und fragt, inwieweit entspricht der Bauplan Q Einleitung.Verfolger.So ist nicht bloß der Parasit auf den Wirt, sondern auch der Wirt auf den Parasiten angepaßt.Die Versuche, diese wechselseitige Zusammengehörigkeit benachbarter Tiere durch allmähliche Anpassung zu erklären, sind kläglich gescheitert.Sie haben zudem das Interesse von der nächstliegenden Aufgabe abgewandt, die darin besteht, erst einmal die Umwelt eines jeden Tieres sicherzustellen.Diese Aufgabe ist nicht so einfach, wie der Unerfahrene glauben könnte.Es ist freiHch nicht schwierig ein beliebiges Tier in seiner Umgebung zu beobachten.Aber damit ist die Aufgabe keineswegs gelöst.Der Experimentator muß festzustellen suchen, welche Teile dieser Umgebung 'auf das Tier ein- wirken und in welcher Form das geschieht.Unsere anthropozentrische Betrachtungsweise muß immer mehr zurücktreten und der Standpunkt des Tieres der allein ausschlaggebende werden.Damit verschwindet alles, was für uns als selbstverständlich gilt: die ganze Natur, die Erde, der Himmel, die Sterne, ja alle Gegenstände, die uns umgeben, und es bleiben nur noch Da ich andererseits nur solches anatomische Material brauchen konnte, das physiologisch belebt war, mußte die große Masse anatomischer und zoologischer Erkenntnisse fortfallen.Ebenso mußten alle physiologischen Ergebnisse vernachlässigt werden, die nur physikalisches oder chemisches Interesse boten.Aber auch jene Strukturen, deren Leistungen gut erforscht sind, mußten unberücksichtigt bleiben, wenn ihre Komphkation zu große Anforderungen an das Vorstellungsvermögen des Lesers stellten.Endhch habe ich mich auf die Wirbellosen beschränkt, weil ich dort selbst zu Hause bin, die höheren Tiere Be- rufenerem überlassend.Von den Wirbellosen bheben die Bienen und Ameisen unberücksichtigt, weil über sie bereits eingehende Lehrbücher vorhanden sind.Ich könnte nun zu dem Inhalte des Buches übergehen, denn der Gesichtspunkt, von dem aus es betrachtet werden soll, ist ausreichend dargelegt.Aber noch erübrigt auf die- jenigen Meinungen einzugehen, die der Biologie eine andere Grundlage zu geben bestrebt sind.g Einleitung.Was auf die eben dargelegte Weise entstehen kann, ist eine spezielle Biologie aller Tierarten.Eine solche Biologie würde sehr einseitig sein, wenn sie auf das Hilfsmittel der Vergleichung verzichtete.Alle Tiere vollführen ihre animalischen Leistungen mit Hilfe von Geweben, die sich durch die ganze Tierreihe hindurch sehr ähnlich bleiben.Muskelgewebe und Nervengewebe zeigen überall analoge Leistungen, mögen sie sich in noch so verschiedenartigen Organen zusammenfinden.Dies ist von großer Bedeutung für die spezielle Biologie, denn die allgemein gültigen Eigenschaften der Muskel und Nerven lassen sich auch bei jenen Tieren als gültig voraussetzen, deren Körperbeschaffenheit keine physiologische Analyse bis herab auf die einzelnen Gewebe zuläßt.Es wird daher die ver- gleichende Physiologie der Gewebe immer ein sehr notwendiger Bestandteil der speziellen Biologie bleiben und, es läßt sich auch nichts dagegen sagen, wenn man die vergleichende Gewebs- kunde der Besprechung der einzelnen Tiere vorangehen läßt.Ich habe davon Abstand genommen, weil ich zeigen wollte, in welchen Tierarten wir am leichtesten zu allgemeineren Schlüssen für die allgemeine Gewebskunde gelangen.Ganz anders nimmt sich die Biologie aus, wenn man die Vergleichung zur Grundlage des ganzen Studiums macht.Dies ist durch Loeb geschehen, und zwar in einer außerordentlich originellen und interessanten Weise.Die große Mehrzahl der tierischen Bewegungen geht fol- gendermaßen vonstatten : Ein äußerer Reiz wirkt auf ein Rezeptionsorgan, dieses erteilt dem Nervensystem eine Erregung.Vom Nervensystem geleitet erreicht die Erregung schließlich den Muskel, der sich dann verkürzt.Diesen Vorgang nennt man einen Reflex.Loeb fand nun, daß eine große Anzahl von Tieren, wenn sie ganz elementaren Reizen ausgesetzt wer- den, wie es Licht, Schwere oder einfache chemische Substanzen sind, stets mit einer geordneten Bewegung antworten, durch die sie sich entweder der Reizquelle zu-oder von ihr abwenden.Er sah darin einen elementaren Vorgang, den er als Trop Is- mus bezeichnete und je nach der Richtung, die von der Be- wegung eingeschlagen wurde, sprach er von positivem oder negativem Tropismus.Loeb selbst hat die Möglichkeit zugegeben, daß es sich IQ Einleitung.Es ist ja zweifellos, daß die Ermittelung des Bauplanes der Tiere nur dann einen Sinn hat, wenn die Struktur der Tiere der Struktur der Maschinen gleichzusetzen ist.Wir nähern uns damit der Grundlage aller Biologie, die nicht durch Spekulation entschieden werden kann, sondern nur durch Beobachtung der lebenden Substanz, auf der sich alle Lebewesen aufbauen, während die Maschinen aus totem Stoff bestehendem Protoplasmaproblem.Das Protoplasmaproblem.Die Wissenschaft der organischen Welt ist alt genug, um die Erwartung zu rechtfertigen, daß es eine eindeutige und allgemein anerkannte Definition des Begriffes Organismus gebe.Das ist leider keineswegs der Fall, und unter dem gleichen Wort Organismus werden die verscliiedensten Dinge verstanden, je nachdem welcher Theorie der Verfasser folgt.Es ist deshalb notwendig, den Begriff des Organismus historisch abzuleiten und seine Beziehungen zum Begriff Maschine, mit der er so häufig verwechselt wird, klarzulegen.Man wird, ohne beiden Begriffen Gewalt anzutun, die Maschinen als unvollkommene Organismen ansprechen können, weil alle prinzipiellen Eigenschaften der Maschine sich bei den Organismen wiederfinden.Dagegen ist es unmöghch, die Orga- nismen ohne weiteres als Maschinen zu bezeiclmen.Auf welchem Standpunkte man auch stehen möge, immer wird man mehr oder weniger starke Abzüge von den Eigenschaften der Orga- nismen machen müssen, ehe man ihnen die Bezeichnung maschinell beilegen darf.Jene Eigenschaften der Organismen, durch welche sie den Maschinen überlegen sind, kann man passend als über- maschinelle Eigenschaften bezeichnen.Unter diesen sind am leichtesten erkennbar die Formbildung und die Regene- ration.Das sind beides Eigenschaften, welche die Entstehung der Organismen betreffen, die ja zweifellos ganz anders verläuft als diejenige der Maschinen.Demgegenüber nimmt man allgemein an, daß die ausge- bildeten Organismen keine übermaschinellen Fähigkeiten auf- wei
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