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1874 attackierte Friedrich Nietzsche in seiner kleinen Streitschrift Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben1 den Historismus, wie er durch die Geschichtsphilosophie Hegels begründet und zur beherrschenden Weltanschauung geworden war. Den Grundgedanken seines Essays faßte Nietzsche in der Formel »Die historische Krankheit als Feindin der Cultur«2 zusammen. Die Polemik richtete sich damit vor allem gegen die nivellierende Macht des »historischen Sinnes«, der von einem vermeintlich objektiv-distanzierten Standpunkt aus analysiert, relativiert und damit alle Kultur zur unverbindlichen »Gebildetheit« verkommen läßt. Es ist wohl kein Zufall, wenn Nietzsche hier auch die noch so junge musikwissenschaftliche Forschung im Visier hatte: Es giebt Menschen, die an eine umwälzende und reformirende Heilkraft der deutschen Musik unter Deutschen glauben: sie empfinden es mit Zorne und halten es für ein Unrecht, begangen am Lebendigsten unserer Cultur, wenn solche Männer wie Mozart und Beethoven bereits jetzt mit dem ganzen Wust des Biographischen überschüttet und mit dem Foltersystem historischer Kritik zu Antworten auf tausend zudringliche Fragen gezwungen werden. Wird nicht dadurch das in seinen lebendigen Wirkungen noch gar nicht Erschöpfte zur Unzeit abgethan oder mindestens gelähmt, dass man die Neubegierde auf zahllose Mikrologien des Lebens und der Werke richtet und Erkenntnis-Probleme dort sucht, wo man lernen sollte zu leben und alle Probleme zu vergessen.
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