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1. a) Das ›Wesen‹ des Mythos sperrt sich einer einheitlichen Definition. Der Mythos hat eine narrative Struktur; erzählt werden bestimmte wiederholbare Ereignisse, die außerhalb von Raum und Zeit liegen und ansetzen an bestimmten Knotenpunkten der menschlichen Existenz. In einem weiteren Sinne ist der Mythos eine erzählte Geschichte (von Göttern und Halbgöttern), mittels derer ein von Generation zu Generation wachsendes Wissen weitergereicht worden ist. Heute sieht man vielfach die Unterscheidung der Mythen von anderen Erzählungen als unmöglich an und erblickt darin vielmehr ein spätes Konstrukt. Hinzu tritt das Problem, daß das Studium der nur literarisch erforschten Kulturen zunehmend als unzureichend erkannt wird. Modelle, die an den schriftlich überlieferten griechischen Mythen gewonnen wurden, sind auf schriftlose Kulturen nicht übertragbar. Den Typus sakraler Erzählungen, den Mythos als mündlichen Kommentar einer Kulthandlung, gibt es in manchen Kulturen gar nicht. In anderen Kulturen werden Mythen mit Träumen auf eine Stufe gestellt und ausdrücklich von der Wirklichkeit unterschieden. Auch die Vorstellung des Mythos als Widerpart des Logos (die erstmals bei Pindar nachweisbar ist) oder als dessen Vorstufe ist heute überholt. Vielmehr repräsentiert der Mythos eine frühe Form der Rationalität; aitiologische Mythen sind hochrationale Formen. Darauf deutet schon die Wortgeschichte, bedeutete doch mythos, ein Kunstwort des frühgriechischen Epos, ursprünglich dasselbe wie logos: beides heißt »Wort«. Logos ist das sinnerfüllte Wort, die vernünftige Rede; Mythos war bis zur Zeit des Sophokles das gesprochene Wort, seltener ein hieros logos, das heilige Wort, schließlich die (unwahre) Erzählung (fabula), die Göttersage. In Deutschland begegnet uns das Wort seit Anfang des 16. Jahrhunderts als ›Fabel‹; erst 200 Jahre später gewinnt es die Bedeutung ›Erzählung von Göttern‹. Heute ist der Begriff populär, wie seit Georges Sorel üblich, als ein zeitloses, methodisch-wissenschaftlichem Zugriff entzogenes Phänomen. Dies aber widerspricht ganz der antiken Tradition, in der es den Mythos nicht gab: Jeder Mythos war vielmehr an einen bestimmten Ort und an einen bestimmten Kult gebunden. Doch seit der Aufklärung hat der Mythos keine uns geläufige Organisationsform und Sprache mehr gefunden. Gerade das jedoch macht die Faszination des hermeneutischen Universums aus.
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