No open-access location is known for this record yet.
No open-access location is known for this record yet.
Verstehen ist ein vieldeutiger Begriff. Er versteht sich gewissermaßen nicht von selbst, sondern es bedarf Erörterungen mit erheblichem Auflösevermögen, um das Geschäft des Verstehens verstehen zu können. Traditionellerweise ist dies das Gebiet der Hermeneutik als wissenschaftlicher Sondermethodologie für die methodisch kontrollierte Beobachtung von Texten, von sprachlich strukturierten Daten, von kulturellen Phänomenen schlechthin. Immer wieder ist darauf hingewiesen worden, daß das Entstehen hermeneutischer Denkweisen in entscheidender Weise mit dem Verlust gesellschaftlicher Bindungskräfte zusammenhängt, mit dem Verlust gesellschaftsweit gültiger Regeln der Deutung und Beobachtung von Welt. Sehr treffend sieht Manfred Frank unter Hinweis auf Schleiermacher die “Pointe des Rekurses auf die Hermeneutik” darin, “daß in Ermangelung eines trans-individuellen (metaphysischen) Kriteriums für die Identifikation von Einzeldingen und die Verifikation von Aussagen über Sachverhalte die individuelle Weltdeutung der Kommunikationspartner ins Spiel gebracht werden muß”2. Die Konsequenz dieser Dezentralisierung der Wahrheit besteht darin, daß es ab jetzt kein letztgültiges, allgemeines, nicht kontingentes Verständnis der Welt mehr geben kann. An die Stelle der einen, universalen Weltgewißheit tritt nun eine Vielzahl individueller Weltdeutungen.3 Indem die Deutung der Welt kontingent wird, wird folgerichtig nicht nur die Welt als Seiendes, sondern auch ihre Deutung zum Problem.
Loading…
Stored only when both papers are in the corpus — 22 citations exist upstream.
Papers that cite the same references — the relational fallback while embeddings are still backfilling.
Imported from OpenAlex (CC0) — nothing here is generated.