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Wohl kaum ein Befund ist in der wahlsoziologischen Literatur der letzten beiden Jahrzehnte so häufig anzutreffen wie die Diagnose, die Bundesrepublik durchlaufe — wie zahlreiche andere westliche Demokratien auch (vgl. etwa Dalton u.a. 1984; Schmitt/Holmberg 1995) — eine Phase des Dealignment (vgl. etwa Dalton/Rohrschneider 1990; Klingemann/Wattenberg 1990, 1992; Zelle 1998). Demnach lösen sich die psychologischen Bindungen der Bürger an die Parteien auf oder schwächen sich zumindest merklich ab. Überdies verlieren die verbleibenden Bindungen einen Teil ihrer politischen Prägekraft an der Wahlurne. Die Folgen dieser Entwicklung sind vielgestaltig. Erstens erhalten Eindrücke vom aktuellen politischen Geschehen stärkeren Einfluß auf die individuellen Parteipräferenzen, weshalb die Unterstützung der einzelnen Parteien zwischen zwei Wahlen nun größeren Schwankungen unterliegt, ja geradezu Achterbahnfahrten vollführen kann. Zweitens wächst das Potential für Verschiebungen des parteipolitischen Kräfteverhältnisses bei aufeinanderfolgenden Wahlen. Folglich laufen etablierte Parteien Gefahr, vernichtende Niederlagen einzustecken, wie umgekehrt neue Parteien gleichsam wie Phönix aus der Asche die politische Bühne betreten können. Als Spiegelbild der größeren Variabilität der Wählerpräferenzen ist auf Seiten der Parteieliten eine stärkere Hinwendung zu kurzfristig erfolgversprechenden Maßnahmen zu erwarten, da Bürger ohne starke psychologische Bindung an eine Partei bereits auf kleine Enttäuschungen mit Vertrauensentzug reagieren dürften. Scheint die Diagnose einer gewachsenen Unberechenbarkeit in der Politik auch weithin geteilt zu werden, so entzieht sie sich doch bisher einer eindeutigen Bewertung: Optimistische Beobachter sehen eine größere Anpassungsfähigkeit des Parteiensystems an reale Probleme, eine ausgeprägtere Sensibilität der politischen Elite für die Wünsche der Bürger sowie ein rationaleres politisches Verhalten des Wahlvolkes.
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