Die Systemtheorie Niklas Luhmanns ist in erster Linie eine makrosoziologisch orientierte Gesellschaftstheorie. Ihr Einsatz auf mikrosoziologischem Niveau zum Zweck der Bedeutungseruierung konkreter literarischer wie pragmatischer Texte versteht sich daher keineswegs von selbst, sondern setzt Reflexion darüber voraus, ob und wie dieser alles andere als selbstverständliche Schritt möglich sei. Das Problem findet seine Zuspitzung in der Frage, ob der von Luhmann entwickelte Kommunikationsbegriff nicht nur auf mündliche, sondern auch auf schriftliche Kommunikation und somit also auf Texte im überwiegend implizierten literaturwissenschaftlichen Verständnis anwendbar sei. Denn einerseits betrachtet Luhmann als Hauptmerkmal von Kommunikation deren Ereignishaftigkeit, andererseits heißt es bei ihm, daß die Schrift Kommunikation ent-ereigne. Gerät ‘schriftliche Kommunikation’ da nicht zum Widerspruch in sich? Hier fällt ein Problem an, das nicht nur aus den divergierenden Ansatzpunkten von Systemtheorie und Literaturwissenschaft resultiert, sondern auch eine der Systemtheorie selbst innewohnende Schwierigkeit darstellt. Denn aus der Sicht einer Theorie, welche die gesellschaftliche Kommunikation als ihren eigentlichen Gegenstand definiert, wird man das ungeklärte Verhältnis von Text und Kommunikation, wie Georg Stanitzek mit Recht bemerkt, “nicht für einen geringfügigen Defekt halten, sondern eher für einen im Theoriegebäude herumliegenden Sprengsatz, der darauf wartet, entschärft zu werden” (Stanitzek 1990: 281).
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