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Dass Jurij Lotmans Werk gegenwärtig über die Fächergrenzen hinweg neue Aufmerksamkeit genießt, ist nicht zuletzt auf eine Akzentverschiebung innerhalb der kulturwissenschaftlichen Forschung zurückzuführen, die in jüngeren Publikationen als der 'spatial turn' bezeichnet wird. Lotmans Überlegungen zum Raum sind auf dem besten Wege, zu einer 'traveling theory' zu avancieren, wie Edward Said einst Nationen-, Epochen- und Disziplinengrenzen überschreitende Theorieansätze titulierte. Dies liegt nicht zuletzt in ihrem weitreichenden kulturwissenschaftlichen Interesse begründet, das sich nie mit einem rein textanalytischen Erkenntnisanspruch zufrieden gibt. So umfasst das Spektrum der Lotman'schen Perspektiven neben einem engeren erzähltheoretischen Fokus auf die narrative Funktion des "künstlerischen Raums" auch einen breiten kultursemiotischen Ansatz, der bereits in dem Aufsatz "Zur Metasprache typologischer Kultur-Beschreibungen" von 1969/1974 angedeutet ist. In den späten Essays und Buchkapiteln zur Semiosphäre versucht Lotman schließlich nicht weniger, als den "semiotischen Raum" in seiner universellen Gesamtheit zu erfassen – als analoge Erscheinung zur Biosphäre, insbesondere aber in seiner partikularen Manifestationsform als konkreter "Kulturraum". Eine Konstante in Lotmans raumbezogenen Schriften ist die zentrale Bedeutung, die der Autor jeweils dem Konzept der Grenze zukommen lässt. Ganz gleich ob Lotman den künstlerischen oder den Kulturraum beschreibt, stets bilden Grenzsetzungen und -Überschreitungen den entscheidenden Ausgangspunkt seiner Reflexionen. Die vorliegende Neulektüre von Lotmans räumlicher Kultursemiotik betrachtet diese vor dem Hintergrund paralleler Theorieentwicklungen im Feld der 'Postcolonial Studies'. Lotmans Grenzkonzept, so die Ausgangsbeobachtung, oszilliert zwischen dem Modell der Trennlinie und dem des durchlässigen Übergangsraums, wobei letzterer Grenztyp in den Schriften zur Semiosphäre unter anderem mit Verweis auf Imperien erläutert wird. Dementsprechend hilfreich ist das Konzept für die Lektüre von Literatur aus kolonialen und postkolonialen Kontexten.
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