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Herder wird heute als Kritiker des kulturellen Kolonialismus gelesen. In der Tat lassen sich aus der Perspektive der Dritte-Welt-Literatur-Bewegung der von Herder vertretene kulturelle Relativismus und die Aufwertung volkstümlicher Mündlichkeit gegenüber Schrift und Buch sowie die Entdeckung kleiner Literaturen als Gestalten des antikolonialen Diskurses verstehen. In dieser Lesart wird Herder zu einem Vertreter eines Weltliteraturkonzepts, das die Existenz gleichberechtigter und nicht ohne Verlust übersetzbarer Literaturen räumlich getrennter Kulturen gegen die herrschende Tendenz zur Globalisierung und globalen Angleichung verteidigt. Im Mittelpunkt meiner Überlegungen steht dagegen die interkulturelle Übersetzung als Transfer mitteilens- und übersetzenswerter Erfahrungen und Erfindungen. Es geht um Herders potentiellen Beitrag zu der aktuellen Diskussion, in welcher Form und nach welchen Maßstäben Dritte-Welt-Kulturen in einem Kanon der ›Weltliteratur‹ heute repräsentiert sein können.
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