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Wer den Kontext des Zitats von Roland Barthes kennt, weiß, daß Barthes keineswegs für soziologischen Reduktionismus plädiert, sondern einen Modus von Literaturgeschichtsschreibung vorschlägt, der inzwischen mehr denn je an Attraktivität gewonnen hat: In seinem Beitrag »Histoire et Littérature: à propos de Racine« für die von Marc Bloch und Lucien Febvre begründete Zeitschrift Annales. Economies. Sociétés. Civilisations [1] skizziert Barthes programmatisch eine ›soziologische‹ Literaturgeschichte, die sich nicht mehr (ausschließlich) den großen Autoren und großen Werken, sondern (auch) »den Techniken, den Regeln, den Riten und den kollektiven Mentalitäten« [2], den »Tätigkeiten und Institutionen« auf der »Ebene der literarischen Funktionen« [3] zuwendet. Roland Barthes’ Vorschlag, aus den sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Forschungen derAnnales-Historiker methodische und empirische Konsequenzen für die Literaturgeschichtsschreibung zu ziehen, ist indessen offenkundig verfrüht gewesen. Die »Zeit der Synthese« [4] war noch nicht gekommen — im Gegenteil: Der strukturalistischen Tendenz, den Handlungskontext von Literatur und deren soziale Funktionen auszublenden, entsprach eine literatursoziologische Neigung, die semiotischen Strukturen von Literatur zu vernachlässigen. Das Auseinanderdriften der Perspektiven wurde darüber hinaus von der gegenläufigen Tendenz begleitet, die soziale und die semiotische Systemreferenz von Literatur a priori gleichzusetzen.
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