Wird jemand gebeten, die hervorragende Leistung einer anderen Person in einer komplexen beruflichen Tätigkeit zu erklären, fällt wahrscheinlich der Satz, daß diese Person einfach „große Erfahrung“ besitze. Damit gehen — zumeist unausgesprochen — wenigstens drei Aussagen einher, deren wissenschaftliche Fundierung und praktische Relevanz das Gerüst dieses Kapitels bilden: (1) Erfahrung hängt offenbar eng mit der Fähigkeit zum kompetenten Handeln zusammen, ist dabei aber nicht mit Wissen gleichzusetzen und muß von diesem abgegrenzt werden. (Womöglich ist der Zusammenhang zwischen Erfahrung und Handeln sogar enger als der zwischen Wissen und Handeln.) Eine Pädagogik, die die Förderung von Kompetenzerwerb thematisiert — etwa in Weiterbildungskonzepten —, sollte daher Erfahrung analysieren und berücksichtigen. (2) Daß Erfahrung relevant und daher anstrebenswert ist, gilt offenbar domänenunspezifisch in vielen verschiedenen Bereichen; von Erfahrung profitieren Handwerker, Sportler, Lehrpersonen oder Führungskräfte, sie spielt eine zentrale Rolle in beratenden, therapeutischen, seelsorgerischen Berufen u.v.a.m. Daher sollte untersucht werden, welche Komponenten von Erfahrung über die Bereiche hinweg generalisierend identifizierbar sind. (3) Offenbar gibt es Wege, Erfahrung zu erwerben, die von den üblichen, oft formalisierten Lehr-Lern-Situationen abweichen. Es ist zu analysieren, in welcher Form Lernen ermöglicht werden sollte, um Erfahrungserwerb zu unterstützen, ohne dabei andere Lernziele (z.B. Wissenserwerb) aus den Augen zu verlieren. Da Erfahrung offenbar etwas sehr Geheimnisvolles, Persönliches, Individuelles ist, ist die Frage zu klären, ob Erfahrung überhaupt weitergegeben bzw. gelehrt werden kann.
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