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Gegenüber dem grossen Einflüsse, den die moderne Entwicklungslehre auf alle Gebiete der Wissenschaft ausübt, und bei dem täglich wachsenden Interesse, das sie in allen Kreisen der gebildeten Menschheit erregt, ist es zu ver¬ wundern, dass noch Niemand es unternommen hat, eine "Geschichte der Entwicklungslehre" zu schreiben.Eine solche muss geschrieben werden, und sie wird gewiss nicht mehr allzulange auf sich warten lassen.Einen Anfang dazu hat bereits Haeckel im ersten Theile seiner natürlichen Schöpfungsgeschichte gemacht, und meine Absicht ist es, auf den folgenden Blättern einen kleinen Beitrag zu einer derartigen Geschichte zu liefern, indem ich zeige, wie der Gedanke der heutigen Entwicklungslehre in dem Kopfe unseres grössten Philosophen, Immanuel Kants, bereits em¬ pfangen ist und nach Geburt ringt.Zugleich soll dieses Schriftchen dazu dienen, die Be¬ deutung Kants und seiner Philosophie für die Naturwissen¬ schaften, auf welche in neuester Zeit besonders eindringlich Zöllner i) hingewiesen hat, noch heller zu beleuchten, damit es den Männern der Naturwissenschaft immer klarer werde, wie viel sie bereits aus Kant hätten lernen können, und wie viel sie in Zukunft noch werden von ihm zu lernen haben.Auf einen in der "Kritik der Urtheilskraft" enthaltenen, hervorragenden Ausspruch Kants, der sich auf die Ent¬ wicklungslehre bezieht, hat schon Haeckel 2) hingewiesen.So Fritz Schultze, Kant u.Darwin. 1 hochinteressant aber und so bemerkenswerth gerade dieser Satz auch immer sein mag -man erschöpft damit den Vorrath der von Kant geschmiedeten, für die Entwicklungs¬ lehre verwerthbaren Waffen nicht im entferntesten.Ich hoffe nun, keines dieser Rüstzeuge in dem grossen viel¬ halligen Bau der Kantischen Werke übersehen zu haben und sie also dem Beschauer in einer vollständigen Sammlung vorführen zu können.II.Die "allgemeine NaturgescMclite und Theorie des Himmels'^.Zu dem bezeichneten Zwecke muss ich ausgehen von dem berühmten, Friedrich dem Grossen gewidmeten Werke Kants vomj.1755: "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprünge des ganzen Weltgebäudes, nach Newton'schen Grundsätzen abgehandelt".Es ist hinreichend bekannt, dass dieses Werk zuerst jene grossartige Theorie von der Entstehung des Weltgebäudes entwickelte, welche einige Jahre nachher auch Lambert in seinen "Kosmologischen Briefen" (1761) ausführte, bis sie durch Laplace und Herschel zu einer fast allgemeinen Anerkennung gelangte.Den Grund¬ gedanken des Werkes drückt Kant selbst so aus: "Wenn man sich also eines alten ungegründeten Vorurtheils und der faulen Weltweisheit entschlagen kann, die unter einer an¬ dächtigen Miene eine träge Unwissenheit zu verbergen trachten, so hoffe ich auf unwidersprechliche Gründe eine sichere Ueberzeugung zu gründen: dass die Welt eine mechanis che Entwicklung aus den allgemeinen Naturgesetzen zum Ursprünge ihrer Verfassung erkenne; und dass zweitens die Art der mechanischen \ 4 >1 verschafft zu haben, die ihm zum Unterstützungspunkt diente.Es ist zwar an dem, dass in einem unendlichen Raume kein Punkt eigentlich das Vorrecht haben kann, der Mittelpunkt zu heissen; aber vermittelst einer gewissen Verhältniss, die sich auf die wesentlichen Grade der Dichtigkeit des Urstoffesgründet, nach welcher diese zugleich mit ihrer Schöpfung an einem gewissen Orte vorzüglich dichter gehäuft, und mit den Weiten von demselben in der Zerstreuung zunimmt, kann ein solcher Punkt das Vorrecht haben, der Mittelpunkt zu heissen, und er wird es auch wirklich durch die Bildung der Centralmasse von der kräftigsten Anziehung in dem¬ selben, zu dem sich alle übrige, in Particularbildungen be¬ griffene elementarische Materie senkt, und dadurch, soweit sich auch die Auswickelung der Natur erstrecken mag, in der unendlichen Sphäre der Schöpfung aus dem ganzen All nur ein einziges System macht.Das ist aber was Wichtiges, und welches, woferne es Beifall erlangt, der grössesten Aufmerksamkeit würdig ist, dass der Ordnung der Natur in diesem unserem System zufolge die Schöpfung, oder vielmehr die Ausbildung der Natur bei diesem Mittelpunkte zuerst anfängt, und mit stetiger Fortschreitung nach und nach in alle fernere Weiten ausge¬ breitet wird, um den unendlichen Raum in dem Fortgange der Ewigkeit mit Welten und Ordnungen zu erfüllen.Lasset uns dieser Vorstellung einen Augenblick mit stillem Ver¬ gnügen nachhängen.Ich finde nichts, das den Geist des Menschen zu einem edleren Erstaunen erheben kann, indem es ihm eine Aussicht in das unendliche Feld der Allmacht eröffnet, als diesen Theil der Theorie, der die successive Vollendung der Schöpfung betrifft.Wenn man mir zugiebt, dass die Materie, die der Stoff zur Bildung aller Welten ist, in dem ganzen unendlichen Raume der göttlichen Gegenwart nicht gleichförmig, sondern nach einem gewissen Gesetze ausgebreitet gewesen, das sich vielleicht auf die Dichtigkeit w o der Partikeln bezog und nach welchem von einem gewissen Punkte, als dem Orte der dichtesten Häufung, mit den Weiten von diesem Mittelpunkte die Zerstreuung des Urstoffes zunahm, so wird in der ursprünglichen Regung der Natur die Bildung zunächst diesem Centro angefangen, und dann in fortschreitender Zeitfolge der weitere Raum nach und nach Welten und Weltordnungen mit einer gegen diesen sich beziehenden systematischen Verfassung gebildet haben.Ein jeder endliche Periodus, dessen Länge zu der Grösse des zu vollbringenden Werks ein Verhältniss hat, wird immer nur eine endliche Sphäre, von diesem Mittelpunkte an, zur Ausbildung bringen; der übrige unendliche Theil wird in¬ dessen noch mit der Verwirrung und dem Chaos streiten, und um so viel weiter von dem Zustande der vollendeten Bildung entfernt sein, je weiter dessen Abstand von der Sphäre der schon ausgebildeten Natur entfernt ist.Diesem zufolge, ob wir gleich von dem Orte unseres Aufenthaltes in dem Uni verso eine Aussicht in eine, wie es scheint, völlig vollendete Welt und, so zu reden, in ein unendliches Heer von Weltordnungen, die systematisch verbunden sind, haben, so befinden wir uns doch eigentlich nur in einer Nahheit.zumMittelpunkte der ganzen Natur, wo diese sich schon aus dem Chaos ausgewickelt und ihre gehörige Voll¬ kommenheit erlangt hat.Wenn wir eine gewisse Sphäre überschreiten könnten, würden wir daselbst das Chaos und die Zerstreuung der Elemente erblicken, die nach dem Maasse, als sie sich diesem Mittelpunkte näher befinden, den rohen Zustand zum Theil verlassen, und der Vollkommenheit der Ausbildung näher sind, mit den Graden der Entfernung aber sich nach und nach in einer völligen Zerstreuung verlieren.Wir würden sehen, wie der unendliche Raum der göttlichen Gegenwart, darin der Vorrath zu allen möglichen Naturbüdungen anzutreffen ist, in einer stillen Nacht begraben, voll von Materie ist, den künftig zu erzeugenden Welten zum Indessen sind doch die meisten unter den Planeten gewiss bewohnt, und die es nicht sind, werden es dereinst werden.Was für Verhältnisse werden nun, unter den ver¬ schiedenen Arten dieser Einwohner, durch die Beziehung ihres Ortes in dem Weltgebäude zu dem Mittelpunkte, daraus sich die Wärme verbreitet, die Alles belebt, ver¬ ursacht werden?Denn es ist gewiss, dass diese, unter den Materien diesj'er Himmelskörper, nach Proportion ihres Ab¬ standes, gewisse Verhältnisse in ihren Bestimmungen mit sich führt.Der Mensch, welcher unter allen vernünftigen Wesen dasjenige ist, welches wir am deutlichsten kennen, ob uns gleich seine innere Beschaffenheit annoch ein uner¬ forschtes Problema ist, muss in dieser Vergleichung zum Grunde und zum allgemeinen Beziehungspunkte dienen.Wir wollen ihn allhier nicht nach seinen moralischen Eigen¬ schaften, auch nicht nach der physischen Einrichtung seines Baues betrachten; wir wollen nur untersuchen, was das Vermögen, vernünftig zu denken, und die Bewegung seines Leibes, die diesem gehorcht, durch die dem Abstande von der Sonne proportionirte Beschaffenheit der Materie, an die er geknüpft ist, für Einschränkungen leide.Des unend¬ lichen Abstandes ungeachtet, welcher zwischen der Kraft zu denken und der Bewegung der Materie, zwischen dem vernünftigen Geiste und dem Körper anzutreffen ist, so ist es doch gewiss, dass der Mensch, der alle seine Begriffe und Vorstellungen von den Eindrücken her hat, die das Universum vermittelst des Körpers in seiner Seele erregt, sowohl in Ansehung der Deutlichkeit derselben, als auch der Fertigkeit, dieselben zu verbinden und zu vergleichen, welche man das Vermögen zu denken nennt, von der Be¬ schaffenheit dieser Materie völlig abhängt, an die der Schöpfer ihn gebunden hat.Der Mensch ist erschaffen, die Eindrücke und Rüh¬ rungen, die die Welt in ihm erregen soll, durch denjenigen 2*
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