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Nach mehr als zweihundert Jahren historischer Erfahrung mit dem industriellen Kapitalismus drängt sich im beginnenden 21. Jahrhundert eine Frage auf, die lange Zeit für obsolet gelten konnte: Ist der Kapitalismus auch ohne Gewerkschaften vorstellbar? Eine Frage, die durch empirische Evidenz längst verneint worden war. Gewerkschaften schienen ebenso selbstverständlich dem Kapitalismus zugehörig wie die abhängige Arbeit. Der auf der Privatisierung und Kommerzialisierung der Arbeit, also auf freien Arbeitsmärkten basierende industrielle Kapitalismus generierte, so die historisch gesicherte Annahme, nahezu zwangsläufig Gewerkschaften als Schutz- und Verteidigungsorganisationen der Lohnarbeiter. Selbst Koalitionsverbote, Sozialistengesetze und mannigfache staatliche Repression konnten, der heroischen Lesart der Geschichte der Arbeiterbewegung zufolge, die Entstehung gewerkschaftlicher Organisationen nicht unterbinden. Der frühindustriellen Leidensgeschichte folgte, mit zeitweiligen Rückschlägen, eine beispiellose Erfolgsgeschichte: seit der Industriellen Revolution konnten die Gewerkschaften ihre Rolle in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sukzessive ausbauen. Wird nun das 21. Jahrhundert zum Zeitalter ihres Siechtums?
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